Text der Predigt

Kantate, 15.05.2022, St. Johannis, 09.00 Uhr

Matthäus 11, 25-30

11, 25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Liebe Gemeinde,
zwei Teile hat diese Rede Jesu.
Der erste ist unerwartet: Gott wird gelobt, weil er seine Wahrheit den Weisen und Klugen nicht offenbart hat.
Und stattdessen hat er sie den Anderen, die hier ‘Unmündige’ genannt werden, offenbart.
Das kann uns tief treffen, wenn wir diese Worte ernst nehmen.
Entweder haben wir die Wahrheit Gottes verstanden dann sind wir ja also folglich Unmündige. Oder wir sind weise und klug, dann haben wir Gott nicht verstanden.
Und für diesen verwirrenden Konflikt dankt Jesus.
Müsste er nicht eher Gott daraus einen Vorwurf machen dass die Weisen und Klugen derart vor den Kopf gestoßen werden?

Natürlich wollte Jesus niemanden beleidigen. Soweit kennen wir das, was über unseren Herrn sonst berichtet ist. Es geht ihm vielmehr darum, dass denen seine Mission gilt, die vor der Welt nichts gelten.
Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken, sagt Jesus.
Und natürlich stimmt das. Er ist für alle Menschen da, aber er wendet sich in besonderer Weise denen zu, die Zuwendung brauchen, den Zöllnern und Sündern, den Samaritern und heidnischen Hauptleuten, den Kranken und Armen, der abgearbeiteten Landbevölkerung und den unterdrückten Frauen.
Ihnen gilt in besonderer Weise seine Zuwendung.

Und es gilt eben auch der berühmte Satz im zweiten Teil unseres Textes, diese Seligpreisung von Mühseligen und Beladenen, die in besonderer Weise von Jesus eingeladen werden.
Der erste Teil ist ein Gebet, in dem sich Jesus als der zeigt, der in enger Verbindung mit dem Vater steht.
Der zweite Teil, der so genannte „Heilandsruf“ – in manchen Bibeln steht das so –, ist ein Wort der Einladung an die Menschen, die ihre Last nicht selber tragen können.
Sie sollen erquickt werden. Dieses schöne, alte Wort heißt nicht, dass ihnen alles abgenommen wird.
Keinem Menschen ist wirklich geholfen, indem wir ihm alles abnehmen.
Sie wissen das: Das ist kein guter Rat für Eltern, dass sie, wenn sie ihre Kinder selbstständig und lebensfähig erziehen wollen, ihnen dann alles abnehmen sollten. Das Gegenteil ist der Fall. Das erzieht eher zur Unselbstständigkeit.

Jesus will, dass die Mühseligen und Beladenen erquickt werden – erfrischt werden –, dass sie ihre Last leichter tragen können.
Darum lädt Jesus wiederum seine Jünger ein, seine Lasten mit zu tragen.
„Nehmt auf euch mein Joch.“
Gemeinde kann wachsen, Leben kann menschlicher werden, wenn Menschen in Jesu Nachfolge lernen, selber Verantwortung für die Mühseligen und Beladenen zu übernehmen.
Er lädt uns ein in seinem Reich mitzumachen als seine persönlichen Mitarbeiter.
Dieser Heilandsruf ist einer der wichtigsten Sätze im Matthäus-Evangelium – zusammen mit dem Vaterunser und dem Taufbefehl.
Es geht um die Kleinen, um die Elenden. Es geht um die Menschen, auf die andere mit Fingern zeigen und deren Gefühle mit Füßen getreten werden.
Es geht um die, an denen niemand Interesse hat, die allen gleichgültig sind. Es geht um die Menschen, die zerbrechen könnten an den Lasten ihres Lebens.

Das Joch, von dem Jesus hier redet, ist ein landwirtschaftliches Gerät. Die Älteren unter uns kennen das noch – das Joch, das man den Zugtieren mit dem Pflug dran über die Schultern gelegt hat, um den Boden umzupflügen.
Die Wasserträger früherer Zeiten haben auch ein Joch getragen. Das gibt’s heute noch in Afrika. An der Wasserstelle wird es abgelegt, um sich erquicken zu können.
Manchmal kommt dann einer – während ich mich erfrische –, der mir hilft, meine Lasten, mein Joch zu tragen.
Das könnte doch ein guter Weg sein – ein Weg, wie ihn Jesus gemeint hat: Wenn wir Menschen mit ihren Lasten anschauen und ihnen helfen, ihnen etwas abnehmen oder nur für sie Zeit haben und ihnen zuhören.

Faszinierend ist dabei die Aussage Jesu:
„Ich bin sanftmütig und demütig und ihr könnt von mir lernen.“
Also das kann schön werden, wenn wir das Joch Jesu tragen lernen.
Ich muss zugeben, dass dieser Satz mich erst einmal stutzig macht.
Sanftmut und Demut lernen, in einer Welt, in der Sanftmut lächerlich ist, in der man stark bleiben muss, sich durchsetzen soll. Demut ist für viele Unterwürfigkeit.
Nach einem kurzen Innehalten und Nachdenken spüre ich aber, wie wohltuend es sein kann, wenn ich mir nicht jede Provokation zu Herzen nehme.
Wenn ich lerne, dass es auch stark sein kann, Menschen zu ertragen, die anders sind als ich.
Klugheit und Weisheit sind wunderbare Gaben. Die aber nicht dazu da sind, um sie gegen andere Menschen einzusetzen.

‘Auch das Denken kann dienen’, so hat der Theologe Helmut Gollwitzer einmal einen wichtigen Aufsatz überschrieben.
Ich denke, darum geht es besonders heutzutage: Unsere Klugheit und Weisheit und Wissenschaft nicht an der Kirchentür abzugeben wie in einer Garderobe für Hut und Mantel.
Sondern sie zu gebrauchen, in den Dienst zu nehmen für die Gemeinde Gottes – für das Wort Gottes. Uns mit allem, was wir sind und können, der Nachfolge zur Verfügung zu stellen.
Alle Weisheit dieser Welt taugt nur so weit wie sie uns hilft, Jesus als den Herrn zu erkennen und seinem Wort zu dienen und die Kleinen groß zu machen.

Demut und Sanftmut sind wunderbare Tugenden.
„De-Mut“ und „Sanft-Mut“ heißen nicht umsonst Mut. Weil das nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke ist, wenn man es schafft – entgegen dem Trend der Zeit, dem Egoismus um uns herum – die stark macht, die in dieser Welt schwach sind.
Das braucht Mut.
Noch einmal: Demütige und Sanftmütige sind ganz schön Mutige.
Gottes Liebe gilt besonders den Mühseligen und Beladenen. Gott hat eine besondere Schwäche für die kleinen Leut‘.
Er sendet seinen Geist in seine Gemeinde, damit denen geholfen wird – und uns will er dazu gebrauchen. Das ist eine besondere, eine große Ehre.
Lasst uns Gott so dienen. Und lasst ihn uns mit unseren Liedern und Gebeten loben und preisen und ihm danken für seine Wohltaten in unserem Leben!
Nicht nur (aber auch) heute – am Sonntag „Kantate“!
„Lobsinget!“
Lobsinget ihm mit euren Lieder und euren Gebeten – mit eurem Glau-ben und eurem ganzen Leben!
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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