Text der Predigt

20. SO n. Tr., 17.10.2021, St. Johannis, 09.00 Uhr

1. Korinther 7, 29-31

Liebe Gemeinde,
die Zeit ist kurz – oft zu kurz für alles, was darin Platz haben soll:
der Beruf, der Partner/die Partnerin, die Kinder, der Haushalt, der Garten, die Verwandten, das Pflegen von Freundschaften, ein bisschen Sport.
Und essen, möchte ich auch nicht immer nur in Eile, ab und zu ein Buch lesen, Zeit für Kunst, Musik, Kultur, in der Badewanne liegen. Und schlafen auch noch, jeden Tag, manchmal sogar etwas länger.

All das ist wichtig, ist schön und wertvoll. All das gehört zum Leben dazu, macht das Leben bunt und schön.
Und doch können für manchen all diese Anforderungen und Bedürfnisse auch zum Zwang werden, dem man sich ausgeliefert fühlt. Manchmal lässt sich alles scheinbar nur mit Mühe unter einen Hut bringen.
Nicht selten bleibt dann ein solches Gefühl: Der Eindruck viel geschafft zu haben, aber doch für das Wesentliche nicht offen gewesen zu sein. Vielleicht es gar verpasst zu haben.
Vieles möchte ich nicht missen, von dem, was den Tag ausfüllt – aber von dieser schnellen, gehetzten Art zu leben, möchte ich mich doch irgendwie befreien, um dann „richtig”, vielleicht bewusster und gelassener zu leben. –

Die Zeit ist kurz. Das schreibt auch Paulus im 1. Brief an die Korinther, unserem heutigen Predigttext.
Eigentlich müsste er mit seinem Anliegen bei vielen offene Türen einrennen – mit dem, was er an die Korinther schreibt:
Ein bisschen mehr Abstand zu allem. Ein bisschen innere Distanz und mehr Freiheit von Zwängen und Gewohnheiten.
Ich lese aus dem 1. Korintherbrief.
Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Die Zeit ist kurz … – denn das Wesen dieser Welt vergeht.
Liebe Gemeinde,
wenn die Zeit begrenzt ist, dann stellt sich eine andere Sichtweise der Dinge ein. Das macht Paulus anhand von einigen Beispielen deutlich.
Und wir selbst kennen diese Erfahrung doch wahrscheinlich auch nur zu gut.
Zeit fühlt sich anders an, wenn plötzlich Grenzen da sind.
Das spüren Schüler: Wenn das Referat bis morgen fertig sein muss, dann kann ich heute nicht mehr alles Mögliche machen, sondern ich muss entscheiden, was das Wesentliche ist, um ein möglichst gutes Ergebnis zu bekommen.
Zeit fühlt sich anders an, wenn ich plötzlich einmal wieder spüre, dass meine Lebenszeit begrenzt ist: vielleicht durch das Schicksal eines Freundes, durch besondere Begegnungen oder wenn ich selbst es vom Arzt gesagt bekomme.
Zeit erscheint wieder neu als ein Geschenk – unendlich kostbar, durch nichts festzuhalten oder zu verlängern. Prioritäten werden klarer, Wesentliches unterscheidet sich von Unwesentlichem.
Und natürlich ist da auch ein bisschen Angst vor dem Ende und dem Danach.

Die Zeit ist kurz. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.
So die zwei zentralen Sätze des Paulus. – Sätze, die uns mit ihrer Botschaft schon in die Stimmung zum Ende des Kirchenjahres mit hineinnehmen.
Das eigene Leben im Bewusstsein der Endlichkeit bewusst gestalten.
„HERR, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.“
So sagte es der Psalmbeter.
Klug sollen wir werden! Das ist es also. Wir sollen aus der einmaligen Chance dieses Lebens lernen.
Bei Paulus in unserem Predigttext spricht hier eine besondere Weltsicht, die sich entscheidend von unserer unterscheidet.
Paulus erwartet die Erfüllung des Reiches Gottes – die Wiederkunft Christi – noch zu seinen Lebzeiten.
Und mit dem Anbruch dieses Reiches Gottes ist die Erfüllung aller Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen verbunden. Die Zwänge, Gesetzmäßigkeiten, Lasten und Bindungen des Lebens sind damit dann ein für allemal aufgehoben.
Diese Erwartung rückt den Umgang mit allen Lebensbereichen in ein neues Licht.

Liebe Gemeinde, ich denke, diese Sicht brauchen auch wir, um zu verstehen, was Paulus meint, wenn er empfiehlt:
„Weint, als weint ihr nicht; lacht, als lacht ihr nicht; besitzt, als besitzt ihr nicht …!“
Es geht um das Offensein für die Wiederkunft von Jesus Christus. Und die soll nicht durch das Alltagseinerlei verbaut sein. Frei und offen sollen die Menschen Jesus bei seinem Wiederkommen begegnen.
Und dann noch etwas Entscheidendes: Paulus erwartet nicht den „Untergang“ – das Ende der Welt, sondern die Erfüllung des Reiches Gottes.
Nicht Untergang, sondern Erfüllung!
Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Da kommt Leben auf uns zu. Leben in seiner ganzen Vollendung – so, wie es von Gott gedacht war.

Menschen mit einer solchen großen Erwartung leben anders und beurteilen das Leben wohl anders. Paulus meint, dass sie sich neu orientieren, Gewohntes hinterfragen, neue Wege suchen, andere Prioritäten setzen, ihr Herz nicht an Kleinigkeiten hängen.
Und wir – wir leben heute 2000 Jahre nach Paulus immer noch unter den Gesetzmäßigkeiten des Alltags.
Wenn überhaupt, dann denken wir bei dem Begriff „Weltende“ eher an den Untergang der Welt durch dauerhaftes Verschmutzen der Umwelt, Klimawandel, Krieg und Gewalt, aber nicht an ihre Erlösung.
Wenn die Bibel vom Ende dieser Zeit und dieser Welt spricht, dann heißt das immer zugleich deren Erlösung, Erfüllung und Vollendung.

In der Bibel geht es nie um Ende, sondern vielmehr um das Ziel.
Wenn uns bewusst wird „die Zeit ist kurz”, dann denken wir meistens an unsere alltägliche Zeit oder an unsere Lebenszeit. Das sind die entscheidenden Unterschiede zwischen dem Lebensverständnis des Paulus und unserem heute.
Und deshalb sollten wir etwas Wichtiges aus den Worten des Paulus mitnehmen:
Hier und da etwas Distanz zu den alltäglichen Dingen, zu Gewohnheiten und Zwängen zu gewinnen, indem wir das Geschenk der Freiheit wahrnehmen.
Und indem wir die Zusage der Begleitung Gottes jeden Tag im Leben und im Sterben für uns annehmen – und die Hoffnung auf sein Reich, die uns unser Glauben schenkt.
Leben wir bewusst mit beiden Beinen fest auf der Erde stehend, aber „mit dem Kopf im Himmel“.
Leben wir in der Welt, gestalten wir sie, übernehmen wir Verantwortung. Aber machen wir uns nicht von ihr abhängig.

Wir sind Gäste auf Erden.
Wie wäre es denn, wenn wir nicht ein besseres Zeitmanagement versuchen würden, um immer noch mehr und mehr in der kurzen Zeit unterbringen zu können – sondern wenn wir uns von den großen christlichen Verheißungen anrühren lassen würden?
Es gibt unzählige zentrale Stellen unserer christlichen Botschaft in der Bibel, die wir jetzt aufzählen könnten.
Jeder und jede von uns mag die eigenen Lieblingstexte in der Heiligen Schrift haben, die Hoffnung verleihen, trösten, ermutigen und stärken.
All diese Texte weisen darauf hin, was wichtig ist, was Bestand hat, was uns trägt. Egal, wohin wir gehen – und egal, was passiert!
Es sind Texte, die mit ihren Verheißungen Sicherheit und Geborgenheit schenken.

Liebe Gemeinde, die Zeit ist kurz. Sie ist begrenzt.
Eine Erfahrung, die schmerzhaft und heilsam zugleich sein kann. Eine Erfahrung, die vielleicht nicht alles in unserem Leben von heute auf morgen ändert, aber die sicher manches bewegen kann, die uns zum Wesentlichen führen kann.
Vielleicht können wir so dem bewussteren und gelasseneren Leben wieder neu auf die Spur kommen.
Denn wir wissen ja, unsere kurze Zeit ist umspannt von seiner Ewigkeit.

Ich möchte schließen mit einem Gebet von Jörg Zink, der dies sehr schön in Worte fasst:

Schöpfer meiner Stunden und meiner Jahre,
du hast mir viel Zeit gegeben.
Sie liegt hinter mir
und sie liegt vor mir.
Sie war mein und wird mein,
und ich habe sie von dir.
Ich danke dir für jeden Schlag der Uhr
und für jeden Morgen, den ich sehe.
Ich bitte dich nicht,
mir mehr Zeit zu geben.
Ich bitte dich aber um viel Gelassenheit,
jede Stunde zu füllen.
Ich bitte dich, dass ich ein wenig dieser Zeit
freihalten darf von Befehl und Pflicht,
ein wenig für Stille,
ein wenig für das Spiel,
ein wenig für die Menschen am Rande meines Lebens,
die einen Tröster brauchen.
Ich bitte dich um Sorgfalt,
dass ich meine Zeit nicht töte,
nicht vertreibe und verderbe.
Jede Stunde ist ein Streifen Land.
Ich möchte ihn aufreißen mit dem Pflug,
ich möchte Liebe hineinwerfen,
Gedanken und Gespräche,
damit Frucht wächst.
Segne du meine Tage.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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